12. Dezember 2014 / Jasmin Shata, Dr. Susanne Kost

Wissenschafts- und Praxistag

Am 12. Dezember 2014 Schüler des Seminarkurses „Wirtschafts- und Naturräume“ erhalten wissenschaftlichen und praxisnahen Input für die Themenfindung ihrer Abschlussarbeiten

Vortragsreihe am Wissenschafts- und Praxistag

Wissenschaftler und regionale Akteure geben Schülern einen Einblick in die Geschichte, Entwicklung und heutige (Raum-) Prägungen ihrer Landschaft vor Ort

Seit Beginn des Schuljahres beschäftigen sich die Schüler der beiden Wirtschaftsgymnasien in Tübingen und Reutlingen im Rahmen des gemeinsamen Seminarkurses „Wirtschafts- und Naturräume: Landschaft als Ressource und Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen“ mit ihrem Landschaftsraum.
Am Samstag, dem 29.11.14 organisierten wir einen „Wissenschafts- und Praxistag“ an der Theodor-Heuss-Schule in Reutlingen, zu dem Wissenschaftler und regionale Akteure Vorträge zu ihrer jeweiligen fachspezifischen Sicht auf den Kulturlandschaftsraum Reutlingen und Tübingen hielten. Ziel dieser Veranstaltung war es, den Schülern die Komplexität und Wirkungen von historischen, planerischen und aktuellen Kulturlandschaftsprägungen in einem Betrachtungsraum vorzustellen und ihnen gleichzeitig durch die vielfältigen Themengebiete eine Schärfung ihres Themas der Seminarkursarbeit zu ermöglichen.

Zum Auftakt sprach Dr. Roland Deigendesch vom Stadtarchiv Reutlingen über die historische Entwicklung Reutlingens, von der mittelalterlichen Stadt, die zu dieser Zeit stark vom Gerberhandwerk am Neckar und dem Weinanbau geprägt war, über das rasante Wachstum über die mittelalterlichen Mauern hinaus mit Beginn der Industrialisierung bis hin zum heutigen Stadtbild. Den Wandel in der Bedeutung von Naturräumen machte er am Beispiel der Echaz deutlich, die im Mittelalter Nutzraum der Gerber war, in der Phase der Industrialisierung kanalisiert und im letzten Jahrhundert vollständig überbaut wurde und heute als Fluss und Naturraum wieder eine Bedeutung im Stadtbild erhalten hat.

Im Anschluss gab Herr Sebastian Schwarzenauer vom Amt für Stadtentwicklung und Vermessung Reutlingen einen Einblick in die vielseitigen Aufgaben- und Themengebiete der Stadtplanung, Stadtentwicklung und des Stadtmanagements. Er verwies u.a. auf den Wandel von Planungskonzepten in einem kurzen historischen Rückblick und erläuterte die verschiedenen Planungsebenen und -inhalte vom Flächennutzungsplan bis zum Bebauungsplan sowie aktuelle Herausforderungen, wie Klimawandel und Stadtentwicklung.

Nach einer kurzen Pause ging es weiter mit einem Vortrag von Dr. Hans-Georg Schwarz-von Raumer vom Institut für Landschaftsplanung und Ökologie der Universität Stuttgart, der die Konsequenzen der Landschaftszerschneidung durch Infrastrukturprojekte auf die Artenvielfalt und -wanderung aufzeigte. Dabei kritisierte er den immensen Rückgang der Durchgängigkeit und Durchlässigkeit unseren Landschaften: der Lebensraum zahlreicher Tier- und Pflanzenarten wird durch den Wunsch des Menschen auf Mobilität, der sich in ständig wachsenden Infrastrukturen ausdrückt, immer mehr eingeschränkt. Die Planung und Umsetzung von „grünen“ Infrastrukturen, wie sie beispielsweise im Generalwildwegeplan in Baden-Württemberg vorgesehen sind, und sogenannten Grünbrücken können einen Beitrag zur Artenwanderung leisten.

Herr Dipl. Ing. Moritz Bellers vom Institut für Landschaftsplanung und Ökologie der Universität Stuttgart stellte das Themenspektrum eines  Landschaftsplaners und Landschaftsarchitekten als historischen Rückblick bis in die heutige Zeit vor. Während der Landschaftskünstler für diverse Monarchen Gärten im französischen (17. Jh.)  und englischen Stil (18. Jh.) gestaltete er später Parks, botanische Gärten und Friedhöfe in den Städten. Heute setzt er sich mit „grünen“ Quartierskonzepten und neuen Bewegungen, wie dem Urban Gardening (Bsp. Brachgelände Wagenhallen), auseinander.

Eine der stärksten Nutzungen der Kulturlandschaft ist die Landwirtschaft. Herr Gebhard Aierstock, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Reutlingen, informierte die Schüler über die Entwicklung und den Stand der Landwirtschaft im Reutlinger und Tübinger Raum. Er machte deutlich, dass durch die zunehmende Mechanisierung, aber auch durch den globalen Markt seit Jahrzehnten die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe und Arbeitskräfte kontinuierlich abnimmt. Gleichzeitig muss sich die Landwirtschaft mit heutigen Anforderungen des Naturschutzes und der Kulturlandschaftspflege auseinander setzen.

Der Zusammenhang von landwirtschaftlicher Nutzung und Kulturlandschaftspflege leitete direkt zum Vortrag von Jochen Rominger vom Biosphärenreservat Schwäbische Alb, über. Das Biosphärenreservat Schwäbische Alb ist das flächengrößte in der Bundesrepublik. Herr Rominger erläuterte die Gebietskulisse des Biosphärenreservats und nach welchen Kriterien eine solche Festlegung erfolgte. Er machte deutlich, dass noch bis vor 50 Jahren die Schwäbische Alb Zentrum der Linsenproduktion war und dann fast vollständig verloren ging. Die Linse ist heute eines der Erfolgsprodukte der Alb, die mit Hilfe des Biosphärengebiets in ihrer Sortenvielfalt wieder von einer Reihe von landwirtschaftlichen Betrieben angebaut wird.

Den letzten Vortrag hielt Patrick Stader vom Nationalpark Schwarzwald. Der jüngste Nationalpark der Bundesrepublik ist gerade mal ein Jahr alt. Herr Stader ging dezidiert auf die Entstehungsgeschichte des Nationalparks Schwarzwald ein. Eine Voraussetzung ist u.a., dass nur Staatswald den Status eines Nationalparks erhalten darf, Gemeinden aber auf Eigeninitiative Flächen einbringen können. Er beschrieb auch den schwierigen Prozess der Werbung für den Nationalpark, dessen Einrichtung von Bewohnern, aber auch den Sägewerkbetreibern als bedrohlich empfunden wurde.

Für die Schüler geht es nun darum, ihre Themen für die Seminarkursarbeit zu entwickeln und mögliche Fragestellungen zu schärfen. Der inhaltliche sehr facettenreiche und inhaltlich anregende Wissenschafts- und Praxistag endete mit einem kurzen Resümee. An dieser Stelle danken wir den Referenten für ihre Teilnahme und ihren inhaltlichen Input sowie der Robert Bosch Stiftung für die Förderung des Projekts im Programm Denkwerk.

  

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